Ortho & Physio im Dialog - Ausgabe 4
„Der Mann nutzt seine Chance, die Frau wartet darauf.“
Dr. Maren Kapella stand jahrzehntelang meist als einzige Ärztin am OP-Tisch. Am liebsten operiert sie Hände; gut bezahlt wird in der Klinik das künstliche Gelenk. In ihrer Berliner Niederlassung schickt sie fast jeden Patienten zunächst ohne OP-Termin nach Hause.
Ein Gespräch von Jesaja Brinkmann für Somana
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8 min
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Juni 2026
Dr. Maren Kapella
Fachärztin für Orthopädie & Unfallchirurgie, Berlin
Wenn im OP-Saal das Telefon klingelt, sagt Maren Kapella einen Satz, den sie sich nirgendwo sonst im Krankenhaus erlauben könnte: „Ich kann jetzt nicht. Ich bin im OP.“ Seit Jahrzehnten operiert sie Hände, Hüften, Wirbelsäulen, heute als Oberärztin an der Caritas-Klinik Dominikus in Berlin-Reinickendorf, einem zertifizierten Endoprothetik-Zentrum. Am liebsten sind ihr die Hände, also genau die Eingriffe, die sich für ihr Haus nicht rechnen. Ein Gespräch über die Frage, wann das Messer hilft und wer daran verdient.
01
Eine Welt für sich
Somana
Was gibt Ihnen das Operieren?
Kapella
Orthopäden sind im Grunde akademische Handwerker. Man hat eine Aufgabe und muss sie sofort lösen. Neulich im Dienst: eine junge Frau, mit dem Motorrad verunglückt, das Handgelenk war gebrochen. Die Fraktur wurde operativ gerichtet, jetzt ist sie stabil.
Somana
Und wenn die Tür zugeht?
Kapella
Das ist das Angenehme daran. Der OP-Saal ist eine Welt für sich, das Herz eines Krankenhauses. Dort kann mich niemand mit etwas anderem behelligen.
02
Zwei Sprechzimmer
Somana
Wie viele Ihrer Praxispatienten operieren Sie?
Kapella
Ich schicke zunächst praktisch alle Patienten weg, ohne sie zu operieren. Ich versuche immer zuerst, das Gelenk konservativ zu retten, also ohne operativen Eingriff. Nur bei wenigen steht sofort fest, dass operiert werden muss. Alles andere hat Zeit. Eine Praxis ist kein Notfallbetrieb, die Patienten dürfen sich nicht zu einer OP überrumpelt fühlen.
Somana
In der Klinik wird immer öfter operiert. Warum?
Kapella
Diese Kliniksprechstunden sind so angelegt, dass sie entscheiden sollen, ob eine Operation nötig ist. Die Klinik verdient nur daran. Das ist nun einmal so.
Somana
Sie sagen das über ein System, an dem Sie selbst mitverdienen.
Kapella
Ich achte trotzdem darauf, dass die Entscheidung zum Patienten passt. Das ist der große Unterschied: Es kommt darauf an, wie man dem Menschen begegnet.
„Ich schicke zunächst praktisch alle Patienten weg, ohne zu operieren.“
03
Vor dem Schnitt
Somana
Woran erkennen Sie das Knie, das wirklich operiert werden muss?
Kapella
Der Schmerz bringt die Patienten zum Arzt, das ist das subjektive Kriterium. Dann kommen die objektiven dazu: ein Streckdefizit, das Bein lässt sich nicht mehr ganz durchstrecken, dazu Bandinstabilität und gegebenenfalls eine Fehlstellung. Und das Röntgenbild muss auch dazu passen. Ich kann zwei Patienten mit demselben Röntgenbild einer Arthrose haben: Dem einen geht es sehr schlecht, der andere sagt, Arthrose kenne er nicht.
Somana
Der Physiotherapeut hat den Patienten Monate vor der OP vor sich. Was soll er bis dahin erreicht haben?
Kapella
Das Streckdefizit. Wir operieren beim Knie immer von vorne und öffnen dabei die Kapsel. Mechanisch lässt sich das Streckdefizit nur bedingt beheben: Sie wachen mit der Beweglichkeit des Gelenkes aus der OP so auf, wie Sie hineingegangen sind. Deshalb muss der Kapsel-Band-Apparat vorher gedehnt und stabilisiert werden, auch wenn danach operiert wird.
„Sie wachen aus der OP so auf, wie Sie reingegangen sind."
Somana
Stellen Sie sich vor: Sie selbst haben morgen eine Kniearthrose. Was tun Sie?
Kapella
Zunächst alles Konservative. Sport, mehr Fahrrad fahren, was gar nicht meine Sportart ist. Krafttraining, Schuhwerk, Polsterung. Alles, um die Prothese aufzuschieben. Wenn ich bandinstabil würde und mir jeden Schritt überlegen müsste, würde ich eine Knieprothese wollen. Sie ist dann auch die Rettung.
04
Früher ein bisschen brutal
Somana
Gibt es eine Operation, die Sie vor zwanzig Jahren regelmäßig durchgeführt haben und heute für falsch halten?
Kapella
Nein, eigentlich nicht.
Somana
Keine einzige?
Kapella
Am ehesten die Wirbelsäulenoperationen. Die Wirbelsäulenchirurgie kommt immer zu spät. Bei einer Arthrose ersetze ich das zerstörte Gelenk, danach ist der eigentliche Arthroseschmerz weg. Bei der Wirbelsäule habe ich diesen Moment nahezu immer verpasst: Verschleiß über mehrere Etagen, da kann ich nur noch versteifen, also zwei Wirbel fest miteinander verbinden. Das ist eine ganz andere Biomechanik und lässt sich nicht mit Gelenkoperationen vergleichen.
Somana
Das klingt nach einem Problem des Fachs. Was haben Sie selbst falsch gemacht?
Kapella
Da waren wir früher ein bisschen brutal. Man hat auch einer Achtzigjährigen gesagt: Das bricht zusammen, das stabilisieren wir, notfalls mit Zement im porösen Knochen (der sich allerdings gut zur Schmerzlinderung nach Frakturen eignet). Den Patienten bringt das aber nichts. Inzwischen setzt sich durch, bei den sehr Alten die Finger von Wirbelkörperversteifungen zu lassen. Und wer Wirbelsäulen operiert, stellt es den Patienten natürlich etwas anders dar.
„Da waren wir früher ein bisschen brutal."
05
Was eine Hand wert ist
Somana
Ihre Lieblingsoperationen an der Hand gelten in der Klinik als Verlustgeschäft. Ein künstliches Knie bringt eine hohe Fallpauschale; eine Handoperation dauert ähnlich lange und erlöst einen Bruchteil davon. Warum?
Kapella
Die Fallpauschale vergütet Material und keine Zeit. In einem künstlichen Gelenk steckt ein teures Implantat, das lässt sich abrechnen. Das Karpaltunnelsyndrom, ein eingeengter Nerv im Handgelenk, hat nach meiner Erfahrung und Studienlage eine Erfolgsquote von 99 Prozent, und ich brauche dafür nichts als einen kleinen Schnitt und wenig Zeit. Dasselbe gilt für den schnellenden Finger und für Ganglien.
Somana
Was heißt das für Patienten?
Kapella
Wenn ich im Alter nicht mehr laufen kann, brauche ich wenigstens meine Hände. Allein etwas trinken, sich waschen. Das ist das Mindeste. Aber es rechnet sich nicht, und das ist traurig, weil man den Patienten damit sehr hilft.
„Die Fallpauschale vergütet Material und keine Zeit.“
06
Was die Physiotherapie kann
Somana
Woran erkennen Sie, dass eine Physiotherapie gut war, wenn der Patient zu Ihnen zurückkommt?
Kapella
Daran, dass er weiter motiviert ist. Ich hatte einen Ministerialbeamten, einen unauffälligen Mann im Anzug. Irgendwann sagte er: Frau Kapella, ich stehe jetzt manchmal frei und übe noch in der S-Bahn. Ihn habe ich vermutlich vor einigen Wirbelsäulenoperationen bewahrt. Und ich schicke die Patienten auch zur Physiotherapie zurück: Das reicht noch nicht, es war ein guter Anfang, jetzt nicht aufhören.
Somana
Wo überschätzt sich unser Berufsstand, die Physiotherapie?
Kapella
Wenn Kollegen manualtherapeutisch sehr tief in die Diagnose eindringen. Ich übertreibe jetzt: die Beckenverwringung, der Piriformis, und nur daran liege es. Es ist ein Gesamtproblem, und ein einzelner Muskel wird gedanklich überhöht. Beim ISG dasselbe. Das ist kein richtiges Gelenk, das ist wie ein Felsspalt. Dann sitzt die Blockade im Kopf des Patienten, und dort bekomme ich sie nur schwer wieder heraus.
Somana
Was kann ein guter Therapeut, was Sie nicht können?
Kapella
Er hat die funktionelle Anatomie im Blick und immer eine Übung dazu. Der Physiotherapeut hat den Patienten buchstäblich in den Händen. Muskelverspannungen, dieses Dranbleiben: auf der muskulären Ebene, da bin ich raus. Ich spüre das schon, aber es ist nicht mein Feld.
„Auf der muskulären Ebene bin ich raus.“
Somana
Was wünschen Sie sich von einer Physiotherapie, zu der Sie überweisen?
Kapella
Dass der Patient nach dem letzten Rezept weitermacht. Am Anfang wollen wir den Schmerz nehmen, danach muss er sich selbst bewegen, bis er gar nicht mehr an die Schmerzen denkt. Ganz verschwinden sie nie, auch gut Trainierte bekommen irgendwann Rückenschmerzen. Aber dann wissen sie: Das bekomme ich wieder in den Griff. Diesen Effekt will ich bei jedem Patienten.
07
Gute Maschinen
Somana
Als Sie anfingen: Wie viele Frauen standen mit Ihnen am OP-Tisch?
Kapella
Meistens keine, außer den OP-Schwestern. Das hat sich sehr geändert. Aber schauen Sie genau hin, welche Funktion die Frauen ausfüllen. Die höheren Stufen in der Klinikhierarchie, Oberärztin, Chefärztin, lassen sich immer noch an zwei Händen abzählen.
Somana
Was mussten Sie sich in all den Jahren anhören?
Kapella
Dass Orthopädie zu schwer sei für eine Frau. Zu viel Kraft, zu viel Hammer und Meißel. Dann kommt mein Lieblingssatz: Ich habe doch meine männlichen Assistenten. Und ich habe gute Maschinen.
Somana
Und was sagen Sie der Assistenzärztin, die heute anfängt?
Kapella
Dass sie sich mehr zutrauen soll. Der Chef fragt, wer operieren möchte, beide, ein Mann und eine Frau, sind Anfänger. Der Mann sagt: Ja, klar. Die Frau sagt: Das kann ich noch nicht. Dabei steht ein Facharzt daneben, sie macht es nicht allein. Der Mann nutzt seine Chance, die Frau wartet darauf.
08
Wohin das Geld gehört
Somana
Muskel- und Skeletterkrankungen kosten 49,9 Milliarden Euro im Jahr; die Nachsorge läuft über gut tausend eigene Reha-Einrichtungen. Sie dürfen eine Reform durchsetzen. Welche?
Kapella
Schaffen Sie die Rehakliniken ab. Das klingt sarkastisch, aber gesünder sind wir mit ihnen nicht. Ich bin nicht gegen Nachbehandlung, auf sie zu verzichten wäre unsinnig. In den Niederlanden kommt sechs Wochen lang jeden Tag ein Physiotherapeut zum Patienten nach Hause, das ist billiger als eine stationäre Reha. Bei den Älteren sehe ich nach, welche Hilfsmittel sie brauchen, oder ich schaue mir den Arbeitsplatz an. Wir müssen weg von dieser Vollversorgungsmentalität. Die Kurorte überstehen das übrigens: hinfahren, das Rezept mitnehmen, sich eine Woche einbuchen und die Physiotherapie selbst zahlen oder ein Rezept einlösen.
Somana
Und wohin müsste das Geld stattdessen fließen?
Kapella
In die Prävention, und die beginnt im Kindergarten. Ich sehe so viele adipöse Kinder und Jugendliche und frage: Was ist dein Plan? Da kommt nichts. Wer mit Sport aufgewachsen ist, hat eine ganz andere Therapietreue. Dem sage ich, er soll die Übung fünfmal machen, und er versteht, dass es beim ersten Mal noch nicht gut wird. Prävention fordert jeder, bezahlen will sie keiner.
4 schnelle Fragen
Ein Satz über Orthopädie, den Sie nie wieder hören wollen?
Die am meisten unterschätzte Übung?
Etwas, das Physiotherapeuten besser können als Orthopäden?
Ihr Maßstab für eine neue Methode?
Wer hilft, hat fast immer recht.
Das Instrument, das Sie am liebsten in der Hand halten?
Das Messer.
Ortho & Physio im Dialog


Über die Gesprächspartner
Dr. Maren Kapella
Dr. Maren Kapella ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Ihre Zusatzbezeichnungen: Spezielle orthopädische Chirurgie, Handchirurgie, Physikalische Therapie, Chirotherapie, Sportmedizin. Sie führt die Einzelpraxis Orthopädie Mitte in der Anton-Wilhelm-Amo-Straße 6 in Berlin-Mitte, eine Privat- und Selbstzahlerpraxis. Zugleich operiert sie als Oberärztin in der Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie der Caritas-Klinik Dominikus in Berlin-Reinickendorf, einem zertifizierten EndoProthetikZentrum der Maximalversorgung. Zuvor war sie unter anderem am Vivantes Humboldt-Klinikum tätig.
Weitere Interviews folgen
"Ortho & Physio im Dialog“ ist eine Serie, in der beide Seiten zu Wort kommen. Keine der Stimmen spricht für alle — aber jede trägt dazu bei, die Schnittstelle besser zu verstehen.
