Ortho & Physio im Dialog - Ausgabe 1

„Kein Patient ist kaputt"

Der Berliner Orthopäde Max Fröhlich darüber, warum die Art, wie Befunde kommuniziert werden, Patienten oft mehr verunsichert als nötig — und wie Ärzte und Physiotherapeuten das gemeinsam ändern können.

Ein Gespräch von Jesaja Brinkmann für Somana

6 min

Juni 2026

Dr. med. Max Fröhlich
Dr. med. Max Fröhlich

Dr. med. Max Fröhlich, MPH

Facharzt für Orthopädie & Unfallchirurgie, Berlin

Wer mit Rückenschmerzen zum Orthopäden geht, bekommt häufig ein MRT und danach einen Befund,
der bedrohlich klingt: Bandscheibenvorfall, Arthrose, Verschleiß. Doch was, wenn genau diese Diagnostik Teil des Problems ist? Max Fröhlich gehört zu einer Generation von Orthopäden, die eine unbequeme These vertreten: Oft sind es nicht falsche Behandlungen, die Patienten kränker machen, als sie sein müssten — sondern verbreitete Befund-Narrative und eine Kommunikation, für die das System kaum Zeit lässt.

01

Das Narrativ vom kaputten Körper

Somana

Welche orthopädische Diagnose wird am häufigsten falsch verstanden?

Fröhlich

Bandscheibenerkrankungen. Es gibt dieses Narrativ: Etwas ist rausgesprungen, ausgerenkt, kaputt. Der Rücken wird extrem mechanistisch verstanden. Ja, es gibt Vorfälle, die mechanisch zu verstehen sind – wenn Nerven betroffen sind, muss man handeln. Aber in den meisten Fällen braucht ein Bandscheibenvorfall keine mechanische Lösung.

Somana

Was müssten Patient*innen stattdessen verstehen?

Fröhlich

Den Twist: Ja, hier ist eine Schädigung, und die kann man nicht heilen. Das ist der erste Schock. Aber: Wir können sehr gut erreichen, dass Sie davon nichts merken. Mein Körper ist nicht mehr intakt, wird es auch nicht mehr sein – aber trotzdem werde ich damit vielleicht kein Problem haben, insbesondere, wenn man in die Eigenverantwortung geht. Diese Botschaft bekommen viel zu wenige Patient*innen.

02

Wenn Worte zum Risiko werden

Somana

In der Medizin spricht man von Nocebo-Effekten – also davon, dass negative Erwartungen Beschwerden verstärken können. Wie selbstkritisch geht Ihre Zunft damit um?

Fröhlich

Zu wenig. Wer Angst als Argumentationsgrundlage benutzt – „wenn Sie das nicht machen, haben Sie in zehn Jahren einen Rücken, den Sie nicht mehr bewegen können“ – der macht etwas fundamental Falsches. Es schadet den Leuten. Und du wirst als Arzt mit dem Schlechten verbunden.

Somana

Was wäre die Alternative?

Fröhlich

Ehrlichkeit ohne Panik. Ja, du hast eine Facettengelenksarthrose. Kann immer mal wieder Schmerzen machen. Aber wenn du etwas tust, deine Rückenmuskulatur gesund hältst, beweglich bleibst, hast du eine große Chance, selten Probleme zu bekommen. Das ist eine komplett andere Geschichte als: Sie sind kaputt.

Somana

Was würden Sie Kolleg*innenraten?

Fröhlich

Vorsichtig mit Nocebos umzugehen. Denn wenn wir Patient*innen mit Angst und Katastrophendenken zur Physiotherapie schicken, haben die Therapeut*innen einen unnötig schweren Job, das wieder zu korrigieren. Wir machen ihnen die Arbeit schwerer, bevor sie überhaupt angefangen haben.

„Mein Körper ist nicht mehr intakt – aber trotzdem werde ich damit vielleicht kein Problem haben.“

03

Die MRT-Falle

Somana

Eine provokante These: Zu viel Bildgebung macht Patienten kränker.

Fröhlich

Bei zu großzügiger Bildgebung kann der Schaden den Nutzen übersteigen. Nicht nur wegen der Strahlenbelastung – sondern weil man Dinge entdeckt, die dann weiter abgeklärt werden müssen. Teils sehr invasiv und teuer. Inzidentalome, Nebenbefunde. Bandscheibenvorwölbungen sind der Klassiker.

Somana

Welche Rolle spielen die Vergütungsanreize?

Fröhlich

Eine große, das muss man selbstkritisch sagen. Das System setzt die Anreize falsch: Das MRT wird gut vergütet, das ehrliche Gespräch kaum. Solche Anreize lenken stärker, als vielen bewusst ist – auch dann, wenn eine Aufnahme medizinisch keinen Mehrwert bringt.

Somana

Warum wird trotzdem so viel Bildgebung veranlasst?

Fröhlich

Bildgebung ist ein Mittel, die Zeit zu ersetzen, die man nicht hat. Man kann den Patient*innen sagen: Gehen Sie mal in die Röhre. Danach hat er das Gefühl, dass alles gesehen wurde. Das ersetzt das Gespräch, das eigentlich nötig wäre.

„Bildgebung ist ein Mittel, die Zeit zu ersetzen, die man nicht hat.“

04

Ein System, das Erklären bestraft

Somana

Warum kommen Patient*innen so häufig mit Angst aus der orthopädischen Praxis?

Fröhlich

Weil Orthopäden für Erklären null Euro bekommen. Man wird massiv bestraft dafür. Eigentlich müsste man sich 20 Minuten hinsetzen, die Bilder durchgehen, ein Schema zeigen. Damit würde man Patienten eine ganz andere Geschichte erzählen können als: Sie sind kaputt.

Somana

Wenn Sie eine Leistung im System neu vergüten könnten – welche wäre das?

Fröhlich

Das komplexe Gespräch. Eine Gesprächsziffer: über 15 Minuten mit dem Patienten gesprochen. Es müsste so etwas wie Gesprächsorthopädie geben.

Somana

Aber diese Zeit haben Physiotherapeut*innen doch – anders als Orthopäd*innen.

Fröhlich

Genau. Da liegt eine Riesenchance. Physiotherapeut*innen verbringen viel mehr Zeit mit den Patient*innen als wir. Sie könnten die Edukation übernehmen, die wir nicht leisten können – erklären, warum Bewegung hilft, warum der Befund keine Katastrophe ist. Wenn Physiotherapie diese Rolle ernst nimmt, kann sie Verhaltensänderungen bewirken, die wir Orthopäd*innen im Fünf-Minuten-Takt niemals erreichen.

„Es müsste so etwas wie Gesprächsorthopädie geben.“

05

Die Schnittstelle zur Physiotherapie

Somana

Wo scheitert die Zusammenarbeit zwischen Orthopäd*innen und Physiotherapeut*innen am häufigsten?

Fröhlich

Der Anspruch, Patient*innen kompetent zu machen, ist nicht trivial. Dafür muss man menschlich und fachlich herausragend sein. Und der Beruf ist unterbewertet – die Vergütung für Physiotherapie ist viel zu niedrig. Zusammenarbeit, Kommunikation – das ist vom System nicht vorgesehen. Was gewollt ist: hoher Durchsatz, Masse behandeln.

Somana

Welche Form von Rückmeldung zwischen Ärzt*in und Therapeut*in wünschen Sie sich?

Fröhlich

Asynchron. Über die elektronische Patientenakte – wenn ich etwas brauche, kann ich mir den Therapiebericht ansehen. Nicht ständig anrufen. Aber wenn der Verlauf vom Erwarteten abweicht, sollte ein Signal kommen.

06

Was gute Physiotherapie ausmacht

Somana

Wie würden Sie gute Physiotherapie definieren?

Fröhlich

Dass die Leute kompetent werden, ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren. Nicht: Ich brauche eine externe Person, die mich „einrenkt“. Das überfordert das Gesundheitssystem massiv. Ich sage meinen Patient*innen vorab: Nach sechs Einheiten sollen Sie sich selbst helfen können und wissen, wie Sie einer Verschlimmerung vorbeugen – zum Beispiel durch langfristiges Training.

Somana

Was ärgert Sie bei Rückmeldungen aus der Physiotherapie?

Fröhlich

Wenn Patient*innen wiederkommen und sagen: Die haben passive Therapie gemacht, obwohl ich aktive Physiotherapie verschrieben habe. Passive Therapie hat ihre Berechtigung – als Brücke zur Aktivierung. Nicht als Dauerlösung.

Somana

Woran liegt das?

Fröhlich

Wo ein passiver, auf „Einrenken“ ausgerichteter Ansatz im Vordergrund steht, entstehen leicht abhängige Patient*innen – Menschen, die glauben, ohne Behandlung nicht klarzukommen, und zweimal die Woche kommen. Das ist kein Therapieerfolg, sondern zementiert die Abhängigkeit. Genau das sollte gute Physiotherapie vermeiden.

Somana

Und auf ärztlicher Seite?

Fröhlich

Da muss ich selbstkritisch sagen: Wir Ärzt*innen trauen Physiotherapeut*innen oft zu wenig zu. Wir behandeln sie wie Ausführende, nicht wie Fachleute. Dabei haben gute Therapeut*innen ein tiefes Verständnis für Bewegung und Belastungssteuerung – oft besser als wir.

07

Mehr Autonomie für Therapeut*innen

Somana

Welche Aufgaben sollten Physiotherapeut*innenen eigenständig übernehmen dürfen?

Fröhlich

Für mich ganz klar: Ich stelle die Diagnose. Den Therapieplan machen die Physiotherapeut*innen. Wenn ich sage: oberes gekreuztes Syndrom – dann entscheiden die Physiotherapeut*innen, welches Konzept er fährt.

5 schnelle Fragen

Ein Satz, den Sie nie wieder hören wollen.

„Sie haben Skoliose“ – als Diagnose dahingesagt, ohne dass je ein Röntgenbild gemacht wurde.

„Sie haben Skoliose“ – als Diagnose dahingesagt, ohne dass je ein Röntgenbild gemacht wurde.

Welche Übung ist unterschätzt?

Rotatorenmanschettentraining

Rotatorenmanschettentraining

Und welche überschätzt?

Brustmuskeltraining –
zumindest im medizinischen
Sinn.

Brustmuskeltraining –
zumindest im medizinischen
Sinn.

Der gefährlichste Mythos über Arthrose?

Dass Lebensstil keine Rolle spielt. Rauchen ist einer der größten Risikofaktoren. Das wissen die wenigsten.

Dass Lebensstil keine Rolle spielt. Rauchen ist einer der größten Risikofaktoren. Das wissen die wenigsten.

Was denken Physiotherapeuten über Othopäden?

Dass wir sie als
Überlaufbecken nutzen, wenn
wir nicht weiterwissen.

Dass wir sie als
Überlaufbecken nutzen, wenn
wir nicht weiterwissen.

Ortho & Physio im Dialog

Beide Seiten kommen zu Wort.

Beide Seiten kommen zu Wort.

Über den Gesprächspartner

Dr. med. Max Fröhlich, MPH

Jahrgang 1988, ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am MVZ Medicoleo am Potsdamer Platz in Berlin. Er studierte Medizin in Münster, absolvierte seine Facharztweiterbildung bei Vivantes und Johannesstift Diakonie und erwarb berufsbegleitend einen Master in Public Health an der Leuphana Universität. Parallel arbeitet er als Digital Health Strategy Advisor bei der gematik. In seiner Masterarbeit untersuchte er die Zukunft digitaler Gesundheitsversorgung.

Weitere Interviews folgen

"Ortho & Physio im Dialog“ ist eine Serie, in der beide Seiten zu Wort kommen. Keine der Stimmen spricht für alle — aber jede trägt dazu bei, die Schnittstelle besser zu verstehen.

© 2026 Somana Health GmbH

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