Ortho & Physio im Dialog - Ausgabe 5

„Wir sollen nicht die Arbeit für den Patienten machen“

Nikola Troch leitet das Physiotherapie-Team von Somana am Gendarmenmarkt. Sie hat eine Praxis von Grund auf aufgebaut, in einer sportmedizinischen Ambulanz Studien ausgewertet und digitale Therapie an Ärzte verkauft. Ein Gespräch darüber, was Physiotherapie heute kann, wo ihre Grenzen liegen, und warum ein Koffer dabei eine ziemlich wichtige Rolle spielt.

Interview geführt von Jesaja Brinkmann

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10 Min.

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September 2026

Nikola Troch, Physiotherapeutin und Teamleitung bei Somana in Berlin
Nikola Troch, Physiotherapeutin und Teamleitung bei Somana in Berlin

Nikola Troch

Physiotherapeutin und Teamleitung, Somana Berlin

Es sei ein ruhiger Tag gewesen, sagt Nikola Troch zu Beginn, nicht ganz so zack-zack-zack. Danach hat sie eine halbe Stunde, dann muss sie wieder runter zu den Patienten. Troch ist 2017 in Münster fertig geworden, hat in Leipzig in einer sportmedizinischen Ambulanz Studien ausgewertet, für ein Digital-Health-Unternehmen Ärzte besucht und in Leipzig eine Praxis von der Neugründung an aufgebaut. Seit März 2026 führt sie das Physiotherapie-Team in Berlin.

01

Alles alleine machen

Somana

In Leipzig hast du eine Praxis von der Neugründung an aufgebaut, in einem Jahr auf vier Therapeutinnen. Du warst fachliche Leitung, gehört hat sie dir nicht. Was hättest du anders gemacht, wenn sie dir gehört hätte?

Troch

Ich hätte weniger impulsiv entschieden und mehr anhand von Zahlen und Daten. Und ich hätte früher Standards etabliert, damit Aufgaben und Verantwortung im Team verteilt sind. Wenn man von Anfang an dabei ist und etwas aufbaut, neigt man dazu, alles alleine machen zu wollen. Man hat dann Schwierigkeiten, Aufgaben abzugeben. Dabei zahlt es sich aus, früh Wege zu finden, damit die Prozesse auch selbstständig in hoher Qualität weiterlaufen.

02

Ein Kind lernt nicht über Nacht Fahrrad fahren

Somana

Eine Spritze dauert wenige Minuten. Deine Arbeit dauert Wochen und verlangt Mitarbeit. Wie verkaufst du das?

Troch

Eine Spritze klingt erst mal nach einer schnellen, direkten Lösung, und für einen kurzen Moment kann sie auch helfen. Nur hält der Effekt nicht so lange an. Mit Behandlung und Training über einen längeren Zeitraum haben wir nach hinten raus einen viel besseren Effekt, bessere Ergebnisse, und damit auch eine höhere Lebensqualität. Ich nutze ganz gerne dieses Bild: Ein Kind lernt auch nicht über Nacht Fahrrad fahren, das braucht Zeit und Arbeit. Aber am Ende lohnt es sich.

„Ein Kind lernt auch nicht über Nacht Fahrrad fahren.“

Somana

Wie reagieren die Patientinnen darauf?

Troch

Viele muss man erst mal ein bisschen aus ihrer Komfortzone holen, weil das Fleiß und Arbeit ist und manchmal auch Frustrationstoleranz dazugehört. Aber wenn sie sehen, in welch kurzem Zeitraum sie schon eine Symptomverbesserung haben, das mit eigenen Augen sehen und spüren, wie viel belastbarer sie mit der Zeit werden, merken sie auch schnell, dass sich das lohnt.

03

Was gar nicht zur Sprache kam

Somana

Hast du Patienten vor dir, bei denen du sicher bist, dass konservative Behandlung gereicht hätte?

Troch

Ja, definitiv. Das ist bei sehr vielen Fällen so, dass die konservative Behandlung gar nicht zur Sprache kam oder nicht vollständig ausgeschöpft worden ist, bevor solche Entscheidungen gefallen sind. Bei einigen hätte man rückblickend erst mal diesen Weg gehen können. Zumal vielen das OP-Risiko nicht ganz so bewusst ist, und auch der Weg danach nicht. Häufig geht es Patienten nach einer Operation oder nach einer Spritze sogar schlechter als vorher. Das muss man immer gut abwägen und von vielen individuellen Faktoren abhängig machen.

Somana

Welche Komplikationen siehst du?

Troch

Im Rahmen der Wundheilung können sich Bakterien einnisten, es kann Entzündungen geben. Und auch bei Standardoperationen wie einer Arthroskopie kann es vorkommen, dass der gewünschte Behandlungserfolg ausbleibt und ein weiterer Eingriff erforderlich wird.

04

Der Koffer

Somana

Im Kassensystem hast du rund zwanzig Minuten pro Behandlung. Reicht dir das?

Troch

Es kommt immer ein bisschen auf den Einzelfall an und auch auf die Therapieform. Aber wir sollen ja nicht die Arbeit für den Patienten machen. Wir können ihm nur die Werkzeuge an die Hand geben, damit er früh an seine Selbstwirksamkeit kommt. Wir nutzen ganz gerne das Bild von einem Koffer, in dem die Werkzeuge liegen. Dann weiß der Patient immer, worauf er zurückgreifen kann, um sich selbst zu helfen. Die Physiotherapie ist dann nur noch ein regelmäßiger Check-in, in dem man Sachen updaten und nachbearbeiten kann. Die Hauptarbeit liegt beim Patienten, und so kann man auch mit kurzen Zeiten ein gutes Ergebnis erzielen.

05

Der Dauerpatient

Somana

Seit 2024 gibt es die Blankoverordnung. Ihr entscheidet dann selbst über Art, Dauer und Frequenz der Behandlung, der Arzt stellt die Diagnose. Wie hast du diese Freiheit genutzt?

Troch

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, weil man viel individueller auf die Bedürfnisse des Patienten eingehen und miteinander entscheiden kann, was notwendig ist. Man hat diese Flexibilität ohne starre Richtlinien, an die man sich halten muss. Gerade die Schulter ist super komplex, da kommt man in der Regel nicht mit einem Sechser-Rezept durch.

Somana

Und die Kehrseite?

Troch

Schade ist, dass die Wirtschaftlichkeit innerhalb von Praxen mit einer guten Therapie manchmal ein bisschen clasht. Ein Dauerpatient, der das ganze Jahr jede Woche wiederkommt, bringt auf den ersten Blick eine höhere Wirtschaftlichkeit. Nur ist das nicht mit den Zielen einer Physiotherapie gleichzusetzen. Es ist immer schade, wenn solche Ansätze nicht Fuß fassen können, weil sie im wirtschaftlichen Sinne zu sehr ausgenutzt werden und nicht zugunsten des Patiente

„Ein Dauerpatient bringt auf den ersten Blick eine höhere Wirtschaftlichkeit.“

06

Wo die Grenze liegt

Somana

Einen Direktzugang ohne Arzt gibt es in Deutschland nicht, in vielen anderen Ländern schon. Die Ärzteverbände führen die Patientensicherheit an. Wie viele Patienten hast du bewusst nicht behandelt und zurückgeschickt?

Troch

Einige, definitiv.

Somana

Was braucht es dafür?

Troch

Es ist wichtig, dass im Bereich der Physiotherapie solche Standards etabliert werden. Dass Red Flags ganz klar bekannt sind und es eine klare Grenze gibt, was in die ärztliche Diagnostik fällt. Dass man aufmerksam ist, eine gewisse Verantwortung übernimmt, solche Sachen auf dem Schirm hat und die Patienten dann auch weiterschickt, weiter in die Abklärung.

07

Ohne Kontrollgruppe

Somana

In Leipzig hast du in einer sportmedizinischen Ambulanz Studien ausgewertet, vorher und nachher, ohne Kontrollgruppe. Wie viel von den Effekten war einfach Zeit?

Troch

Das ist natürlich schwierig, wenn man keine Kontrollgruppe hat und nicht direkt vergleichen kann. Vieles hängt von so vielen Faktoren ab: Behandlung, Regeneration, auch Flare-Ups. All diese Faktoren können eine Post-Testung beeinflussen. Genau daran müsste man weiter forschen, woran diese Faktoren liegen. Wichtig ist, dass man methodisch sauber arbeitet, und das ist in Feldstudien ohne Kontrollgruppe nicht immer hundertprozentig zu erfassen.

Somana

Du hast osteopathische Anteile in deiner Weiterbildung. Die Studienlage dazu ist dünn. Wie hältst du das aus?

Troch

Die Studienlage ist sehr dünn, was Osteopathie betrifft, das muss man ganz klar sagen. Ich finde es aber wichtig zu unterscheiden: Evidenzbasiertes Arbeiten schließt die klinische Erfahrung ein, die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten und die Evidenzlage aus Studien. Das gehört zusammen, das macht evidenzbasiertes Arbeiten per Definition aus.

Somana

Und die Hände?

Troch

Wichtig ist, dass man erst mal Vertrauen schafft, eine therapeutische Beziehung aufbaut, viel aufklärt und Nähe gibt. Da können auch passive Verfahren mit einfließen. Aber diese rein passiven Sachen sollten nicht zum Selbstzweck werden. Sie können anteilig dabei sein, man sollte aber immer ganz klar das Ziel vor Augen haben: In welche Richtung möchte sich der Patient verbessern?

Somana

Und wenn einer sagt, sein Becken steht schief und du sollst den Rücken einrenken?

Troch

Das wird gesellschaftlich immer noch viel reproduziert. Es fängt häufig schon beim Arztbesuch an, dass solche Formulierungen verwendet werden, und man findet es im Internet und auf Social Media. Da gilt es, den Patienten aufzuklären, dass nicht alles in Symmetrien gedacht werden muss und dass der Mensch vielschichtiger ist. Ich nutze als Beispiel, dass es schon bei Rechts- oder Linkshändern losgeht, dass wir da einfach unterschiedlich sind. Und dass es überhaupt nicht schlimm ist, wenn ein Becken vermeintlich schief steht. Man erweitert damit die eigenen Grenzen und gibt ein gewisses Selbstvertrauen mit, dass der Körper sich an die Anforderungen anpasst, die er im Alltag und im Leben braucht.

08

Viereinhalb Jahre

Somana

Du hast drei Jahre Ausbildung in Münster gemacht und berufsbegleitend studiert, insgesamt viereinhalb Jahre für einen Beruf, der drei Jahre verlangt. Was hat das Studium gebracht, was die Ausbildung nicht bringt?

Troch

Ich hatte ein berufsbegleitendes Studium, drei Semester statt sechs, insgesamt viereinhalb Jahre. Was man im Studium mehr mitbekommt, ist alles, was Clinical Reasoning betrifft, und dass wir immer mehr hinterfragen: Sind meine Methoden und mein Behandlungsweg zielführend? Dieses kritische Hinterfragen kommt in der Ausbildung definitiv zu kurz, da wird technikorientierter gedacht. Auch der Bezug zur neuesten Studienlage findet wenig statt. Im Studium lernt man, wie man Studien liest, auswertet und bewertet, und wie man das mit der eigenen Arbeit in Verbindung bringt.

„Dieses kritische Hinterfragen kommt in der Ausbildung definitiv zu kurz.“

Somana

Was sagt ein Berufsanfänger im Bewerbungsgespräch über sich, das dir zeigt, was die Ausbildung mit ihm gemacht hat?

Troch

Man merkt es ganz gut, wenn viel in Techniken gedacht wird. Bei einer bestimmten Diagnose bekommt man dann eher zu hören: Welche Technik würde ich anwenden? Bei denen mit mehr Erfahrung merkt man eine höhere Sicherheit, was das kritische Hinterfragen und die funktionellen Aspekte betrifft, und dass sie die Patienten wieder an das heranführen, was sie wieder können wollen.

Somana

Bei uns im Team haben überdurchschnittlich viele studiert. Merkt man das?

Troch

Auf jeden Fall. Die Art zu arbeiten deckt sich mit der der Kolleginnen und Kollegen, man hat ähnliche Gedankengänge und Herangehensweisen an Fallbeispiele, und beim Austausch vermittelt man ähnliche Werte und spricht die ähnliche Sprache. Das hilft auf jeden Fall im Arbeitsalltag.

09

Unabhängig vom Geldbeutel

Somana

Vor Somana hast du digitale Therapie für Lungenpatienten betreut und viele Ärzte besucht. Wie haben die reagiert?

Troch

Grundsätzlich immer sehr positiv. Die größte Herausforderung war ein strukturelles Problem im Gesundheitssystem: Viele Betroffene haben nicht die Ressourcen, an solche Angebote herangeführt zu werden. Häufig ist es daran gescheitert, dass viele nicht wussten, wie man eine App aus dem App Store herunterlädt. Da ist noch viel zu tun, was Digital Health betrifft, damit man bestimmte Zielgruppen in der Versorgung nicht ausschließt, sondern mit hinein nimmt. Schwierig wird es, wenn es im Umfeld keine Angehörigen gibt, weil Ärztinnen, Ärzten und dem Pflegepersonal die Zeit und die Ressourcen fehlen, diese Sachen unter die Leute zu bringen.

Somana

Nenn mir eine Präventionsleistung, die du morgen anbieten würdest, wenn sie jemand bezahlen würde.

Troch

Regelmäßige Check-ins oder eine Art Screening, bei dem individuell auf Kraft, Beweglichkeit und funktionelle Aspekte für die Alltagsbewältigung geschaut wird. Mit Hilfe solcher Screenings kann man einen Trainingsplan entwickeln und Möglichkeiten schaffen, dass er auch regelmäßig umgesetzt wird. Dass die Leute Zugang zu Einrichtungen haben, in denen sie diese Trainingspläne oder Trainingsgruppen absolvieren können, unabhängig vom Geldbeutel und vom sozialen Status. Ein bisschen wie Betriebssport. Das war ja mal völlig normal, dass alle regelmäßig Sport gemacht haben.

„Unabhängig vom Geldbeutel oder vom sozialen Status.“

Somana

Wenn du im deutschen Gesundheitssystem eine Leistung neu vergüten könntest, welche wäre das?

Troch

Wenn ich an die Blankoverordnung denke: Ich würde zusätzlich die Zeit vergüten, in der wir Messungen machen können. Diese Screenings kommen in einem so kurzen Behandlungszeitraum echt zu kurz. Das ist leider das, was hinten runterfällt, und Therapeuten bekommen diese Art von Arbeit nicht vergütet, so wie ein Arzt Diagnostik abrechnen würde.

Somana

Und was fehlt deinem Berufsstand?

Troch

Ärzte haben in der Gesellschaft eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Die der Physios wird manchmal nicht ganz so ernst genommen. Da würde ich mir grundsätzlich eine höhere Stellung wünschen. Aber ich denke auch: Wir Physios brauchen noch ein bisschen Zeit, bis wir uns diesen Stellenwert verdient haben, indem wir mit evidenzbasiertem Arbeiten solche Sachen klar abgrenzen können. Und indem wir eine klare Trennung haben, was in die Verantwortung der Physios fällt und was in die der Ärztinnen und Ärzte, ohne dass sich die Grenzen überschneiden. Da fehlt gesellschaftlich noch ein bisschen dieser Stellenwert.

Kurze Fragen

Die am meisten überschätzte Behandlung in deinem Beruf?

Heiße Rolle und Bindegewebsmassage.

Heiße Rolle und Bindegewebsmassage.

Deine erste Frage an einen neuen Patienten?

Was kannst du aufgrund deiner Beschwerden gerade nicht machen, was du wieder erlernen möchtest?

Was kannst du aufgrund deiner Beschwerden gerade nicht machen, was du wieder erlernen möchtest?

Was du an Ärzten beneidest?

Deren Entscheidungsmacht. Dass sie mehr Flexibilität haben, was die Art der Therapie betrifft.

Deren Entscheidungsmacht. Dass sie mehr Flexibilität haben, was die Art der Therapie betrifft.

Welches Gerät steht in jeder Praxis, gehört aber ins Museum?

Die großen Elektrogeräte. Und die Stangerbadwanne mit Hydroelektrotherapie.

Der Satz, mit dem du eine Behandlung zum letzten Mal beendest?

Du hast deinen vollen Koffer, du weißt, was du machen kannst und worauf du immer wieder zurückgreifen kannst. Du schaffst das, du stehst auf eigenen Beinen. Geh raus in die weite Welt. Wenn was ist, kannst du dich wieder melden.

Ortho & Physio im Dialog

Beide Seiten kommen zu Wort.

Beide Seiten kommen zu Wort.

Nikola Troch, Physiotherapeutin und Teamleitung bei Somana in Berlin

Über unseren Interviewgast

Nikola Troch

Nikola Troch ist Physiotherapeutin und leitet seit März 2026 das Physiotherapie-Team von Somana am Berliner Gendarmenmarkt. Sie verantwortet die klinischen Standards sowie die fachliche Weiterentwicklung des therapeutischen Teams.

Ihre Ausbildung zur staatlich anerkannten Physiotherapeutin absolvierte sie an der Timmermeisterschule Münster. Zudem vertiefte sie ihr Wissen in drei ausbildungsbegleitenden Semestern an der Hochschule Emden/Leer mit den Schwerpunkten ICF und biopsychosoziales Modell und erwarb einen Bachelorabschluss in Angewandten Therapiewissenschaften an der Hochschule Fresenius. Zu ihren weiteren Qualifikationen gehören Manuelle Therapie nach dem Berliner Konzept, die sektorale Heilpraktikerin für Physiotherapie sowie CMD.

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„Ortho & Physio im Dialog“ ist die Interviewreihe von Somana. Hier tauschen sich Ärztinnen, Ärzte und Therapeut*innen darüber aus, wie Anspruch und Alltag bei der Behandlung von Muskeln, Knochen und Gelenken zusammenfinden.

© 2026 Somana Health GmbH

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